Tania auf der Autobahn
 
Mein Blick auf China
Wenn ich das Jahr 2005 im Rueckspiegel betrachte, war dies wohl das Jahr der groessten Veraenderungen, der rasantesten Entwicklung, der anstrengensten Anpassung aber auch der groessten Herausforderung in meinem Leben; kaum vergleichbar mit bisherigen Auslandserfahrungen.

Zunaechsteinmal musste ich mein wunderschoenes, romantisches Bild von China mit der Realitaet abgleichen, ich musste also meine Vorstellung vollkommen ueberarbeiten und neudefinieren.

Obwohl man vorher schon viele Fotos von Shanghai gesehen hat, dachte ich China waere ein traditionelles, ruhiges Land, mit weissbaertigen alten Chinesen, die man morgens alle zum Sonnenaufgang beim Tai Chi im Park beobachten kann. Bereits meine erste Woche hier belehrte mich jedoch eines Besseren - Shanghai ist nicht romantisch und China ist ein, sich in Hochgeschwindigkeit entwickelndes Entwicklungsland, ohne Vergleich in der Welt. Aber von Ruhe kann man nicht sprechen!

Die Geschwindigkeit fesselt einen von der ersten Minute und man kann nur auf den Zug aufspringen, weil man als faszinierter Beobachter, der noch versucht zu verstehen, was hier passiert, andernfalls ueberfahren wird. Und ich habe gelernt: man wird es nicht verstehen, weil sich Reglungen und Gesetze ebenfalls staendig aendern und mitentwickeln.

Unlaengst habe ich in einer englischsprachigen Zeitschrift folgende Analogie gelesen:

"In China zu leben ist wie auf einer Autobahn im Bauzustand, mit Hoechstgeschwindigkeit aber beschlagener Windschutzscheibe zu fahren." (... und manchmal ist es es sogar noch ziemlich nebelig)

Dieser Satz beschreibt meine Erfahrungen, sowohl privat, wie auch beruflich, im letzen Jahr ziemlich treffend. In China zu leben heisst, alles ist moeglich: es herrscht Goldgraeberstimmung, der Traum vom Tellerwaescher zum Millionaer wird von vielen Chinesen getraeumt auch wenn das heisst, dass man mit Hochgeschwindigkeit durch eine Baustelle fahren muss. Manchmal fuehrt die Strasse ganz ploetzlich, ohne Umleitungsankuendigung, in eine ganz andere Richtung; manchmal muss man zwischendurch sein Fahrtziel aendern, weil die Bauarbeiten leider noch nicht begonnen wurde und kein Weg zum urspruenglichen Ziel fuert. Auch Verkehrsunfaelle gehoeren offensichtlich zum taeglichen Leben, und gelten nicht als Zeichen persoenlichen Versagens.

Fuer das neue Jahr habe ich mir vorgenommen weiter am Tempolimit zu fahren, da ich gerade im Geschwindigkeitsrausch bin, aber wenigstens mal meine Windschutzscheibe zu reinigen, damit ich sehe was mir als naechstes den Weg versperrt!